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InnovationsInterview Nr. 10 | mit dem Director of Warehouse Operations, Zalando SE, Berlin/Erfurt und Prof. Dr.-Ing. Uwe Arnold, Geschäftsführer AHP Solutions, Berlin

Daniel Behlert (rechts), ehemaliger Standortleiter in Erfurt und jetzt als „Director Logistics Warehouse Operations“ für alle Zalando-Distributionszentren tätig und Prof. Uwe Arnold, Geschäftsführer der AHP Solution Berlin, der die Machbarkeitsstudien zum Smart-Green-Warehouse-Projekt organisierte. Quelle: © Zalando Logistics SE & Co. KG und AHP Solutions

Europas führende Online-Plattform für Mode und Lifestyle plant am Zalando-Logistikstandort Erfurt ein innovatives und beispielgebendes Energiekonzept zum Klimaschutz. Quelle: © Zalando Logistics SE & Co. KG und AHP Solutions

Selbst produzierter Solarstrom durch Photovoltaik-Module – montiert auf den Hallendächern und hier im Bild als Carport-Variante über den Autostellflächen des Verteilzentrums in Erfurt-Vieselbach. Quelle: © Zalando Logistics SE & Co. KG und AHP Solutions

Die Technolgie-Koppelung von Solarstrom und einem Energie-Eisspeicher ist in Deutschland kaum verbreitet. Sie ermöglicht die effiziente Steuerung, Speicherung und Optimierung des Energiebedarfs bei Zalando. Quelle: © Zalando Logistics SE & Co. KG und AHP Solutions

Der Onlinehändler Zalando will nachhaltiger werden. Dazu plant das Unternehmen für den rund 130.000 Quadratmeter großen Versandstandort in Erfurt-Vieselbach ein völlig neues Energiekonzept. Kern der revolutionären Technologie ist die Produktion und Speicherung von Solarstrom auf dem Werksgelände im Erfurter Süden. Die Innovation demonstriert erstmals in Deutschland, wie große Logistikzentren einen sinnvollen Beitrag zur Minderung von Kohlendioxid-Emissionen leisten können. Wir sprachen über das Smart-Green-Warehouse-Projekt mit den Vordenkern der Idee: Daniel Behlert, ehemaliger Standortleiter in Erfurt und seit Sommer 2018 als „Director Logistics Warehouse Operations“ für alle Zalando-Distributionszentren tätig. Außerdem mit Prof. Uwe Arnold, Unternehmensberater und Koordinator der Machbarkeitsanalysen zu dem geplanten Vorhaben.

Sie haben das Smart-Green-Warehouse-Projekt als „Leuchtturm“ für den Innovationstandort Thüringen bezeichnet. Warum?

Prof. Uwe Arnold: 2016 hat das Logistik Netzwerk Thüringen e.V. (LNT), in dem Herr Behlert und ich im Vorstand sind, eine Potenzialanalyse für nachhaltige intelligente Mobilität und Logistik in Thüringen (PoMoLoT-Studie) durchgeführt. Das Ergebnis: Der Freistaat ist sehr stark im Bereich der Zentraldistribution – deutschland- wie europaweit. Viele Logistikzentren, wie Zalando, KNV oder Redcoon, haben sich genau deshalb rund um das Erfurter Kreuz angesiedelt. Leider auch mit allen Folgen für die Umwelt. Wir haben uns daher im LNT die Frage gestellt, wie Klimaschutz und Zentraldistribution eine Win-Win-Situation bilden könnten. Und wie sich Thüringen mit mustergültigen Green-Logistik-Lösungen profilieren kann. So entstand das zukunftsweisende Vorhaben „Smart-Green-Warehouse“ – ein echtes Vorzeigeprojekt!

Daniel Behlert: Thüringens Stärken in der Zentraldistribution sind Logistikservices – nachhaltige und effiziente Prozesslösungen im Umschlag- und Lagermanagement. In diesem Bereich wollen wir etwas komplett Neuartiges schaffen und diskutierten das Thema im LNT-Netzwerk, welches sich übrigens im Prozess der Thüringer Innovationsstrategie (RIS3) stark engagiert. „Green Logistic“ ist heute ein Schlüsseltrend. Künftig, so die Planungen, wollen wir einen Teil des Energiebedarfs bei Zalando in Erfurt aus regenerativem Solarstrom gewinnen, wobei wir zwei Varianten favorisieren: Leichtbau-Photovoltaik-Module, welche auf den Dachflächen oder über eine Carport-Konstruktion auf den Mitarbeiter-Parkplätzen des Verteilzentrums montiert werden. Das Innovative daran ist die integrierte Lösung aus solarem Eigenstrom, einem Eisspeicher und der Optimierung der Lastverläufe.  

Welche Vorteile bietet die intelligente Technologie-Koppelung, die bereits in skandinavischen Ländern erfolgreich in der Gebäudetechnik von Bürohäusern erprobt wurde?

Prof. Uwe Arnold: Je nach Größe der geplanten Solaranlagen kann Strom von bis zu vier Megawatt produziert werden. Das entspricht der Stromversorgung von fast 5.000 Haushalten. Das Besondere ist jedoch die Kombination aus Photovoltaik und Eisspeicher. Damit können wir selbst erzeugten Solarstrom zu 100 Prozent nutzen und so intelligent speichern und verteilen, wie er tatsächlich am Standort gebraucht wird.

Daniel Behlert: Der ungewöhnlich heiße und lange Jahrhundertsommer in diesem Jahr brachte nicht nur die Mitarbeiter von Zalando ins Schwitzen. Auch unsere Logistikhallen heizten sich schnell auf und die Klimaanlagen mussten intensiver laufen als geplant. Es ist davon auszugehen, dass die nächsten Sommer ähnlich heiß werden. Das spricht umso mehr für die Technologie-Koppelung, mit der wir nicht nur unseren eigenen umweltfreundlichen Strom erzeugen, Gebäude kühlen können und den Stromversorger entlasten, sondern auch unsere Betriebskosten senken – ein Gewinn für alle Beteiligten. Nicht zu vergessen die Einspareffekte von bis zu 2.000 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr. Soviel verbrauchen sonst ca. 1.000 Haushalte durchschnittlicher Größe im gleichen Zeitraum.

Zu dem Solar- und Eisspeicher-Projekt existiert seit diesem Sommer die sogenannte Green-Invest-Vorstudie. Sie untersuchte die Machbarkeit und Nachhaltigkeit des Vorhabens. Was ist seit der Studie passiert und wie geht es jetzt weiter?

Daniel Behlert: Die Vorstudie hat viele positive Ergebnisse ermittelt. Jetzt stehen Entscheidungen und Detailklärungen für mögliche Varianten an: „Solarmodule auf den Dächern des Distributionszentrums in Erfurt“ oder „Carport-Dach über dem Mitarbeiter-Parkplatz“. Es geht um Fragen, wie Investitionskosten, Wirtschaftlichkeit und Baustatik. Große Hallendächer benötigen aufgrund möglicher Schneelasten im Winter konstruktive Sonderlösungen. Das muss alles geprüft werden.

Prof. Uwe Arnold: Ich möchte noch ergänzen: Mit Statikern, Dachdeckern und anderen Fachleuten sind wir bereits wegen weiterer Gutachten, Ausschreibungen und Angeboten im Gespräch. Sie sind dann die Entscheidungsvorlage für weitere Schritte bei Zalando.

Und gibt es bereits eine Tendenz, welche der vorgeschlagenen Varianten umgesetzt werden wird?

Daniel Behlert: Aus dem Stand kann ich das heute noch nicht sagen. Nur so viel: Wir prüfen gemeinsam alle betriebswirtschaftlichen Kennzahlen und treffen anschließend eine finale Entscheidung, welche der Varianten die ökologisch und ökonomisch sinnvollste ist.

Mit welchen Investitionskosten rechnen Sie?

Daniel Behlert: Im Moment gehen wir von Investitionen im einstelligen Millionenbereich aus.  

Herr Behlert, der Onlinehandel boomt. Gleichzeitig steht er in der Kritik besonders klimaschädlich zu sein. Ist das Smart-Green-Warehouse-Projekt mehr als reine Imagekosmetik?

Daniel Behlert: Klar geht es um mehr, als nur unser Image aufzupeppen! Wir können mit dem Projekt Energie nicht nur nachhaltiger produzieren, sondern diese auch viel effizienter einsetzen. Das motiviert uns. Gleichzeitig ist dieses „Pioniervorhaben“ beispielgebend für andere Logistiker. Aber nicht nur das: Unsere konzernweite Abteilung für Corporate Responsibility ist seit einigen Jahren schon dabei, nachhaltigere Wege zu finden, Mode und Lifestyle-Produkte zu produzieren und von der Lagerung bis zur Auslieferung dem Kunden umweltfreundlich zur Verfügung zu stellen.

Abschließende Frage an Sie, Prof. Arnold: Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit Zalando erlebt und wie kommt das Projekt bei den Mitarbeitern an?

Prof. Uwe Arnold: Ausgesprochen positiv, offen, innovativ und kreativ. Überhaupt keine Denkverbote! Bei den Mitarbeitern in Erfurt ist so etwas wie eine Begeisterungswelle zu spüren, weil nicht nur die kaufmännischen Aspekte im Vordergrund stehen, sondern auch etwas für den Klimaschutz getan wird.

Interview: Holger Dabow (www.textdepartment.com)
Fotos: Zalando Logistics SE & Co. KG, Standort Erfurt; Logistik Netzwerk Thüringen e. V., Erfurt; maxx-solar & energie GmbH & Co. KG, Waltershausen; Paul Bauder GmbH & Co. KG Stuttgart;

Zalando Logistics SE & Co. KG, Standort Erfurt

Branche: Online-Versandhandel
Mitarbeiter: 15.000, davon 3.000 Mitarbeiter am Standort Erfurt (2017)
Umsatz (insgesamt): 4,49 Mrd. EUR (2017)
Produkte/Services: : Internethandel, Modeversand
Kunden: (insgesamt): über 24 Millionen aktive Kunden (2017)
Standorte: 7 Logistikzentren – Brieselang, Erfurt, Mönchengladbach, Lahr, Mailand (Stradella), Paris (Moissy-Cramayel) und Szczecin (Gryfino)
Erfurt: Lager- und Logistikfläche: ca. 130.000 Quadratmeter (2017)
Gründung: 2008 (Standort Erfurt seit 2012)
Webseite: www.zalando.de

Vorschau

Im nächsten InnoVIEW stellen wir Ihnen Enrico Jakusch vor. Er ist Geschäftsführer der Drehtechnik Jakusch GmbH aus Saalfeld. Die Firma nahm dieses Jahr die digitale Arbeitsplattform „NOAH“ in Betrieb und ist damit ein Vorreiter im Bereich Industrie 4.0.